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Im Gastblogbeitrag schreibt Sarah Spiekermann, wie 16 Wissenschaftler:innen aus elf Universitäten und drei Ländern zehn ethische Regeln für den Umgang mit Digitalisierung formuliert haben, um Orientierung in den alltäglichen Konflikten der digitalen Transformation zu geben.
Jeden Tag gibt es Diskussionen um die Digitalisierung. Ob zu Hause, wo man streitet, ab welchem Alter die Kinder TikTok nutzen dürfen oder ob man für das Smartphoneverbot in der Schule stimmen sollte, wenn man die Kleinen doch am Handy tracken will. Am Arbeitsplatz, wo der Vorgesetzte eröffnet, er würde jetzt den Homeoffice-Platz überwachen, nachdem man einmal für zehn Minuten den Messenger ausgestellt hat, der einen täglich gefühlte 200 Mal bei der Arbeit unterbricht. Bis hin zum Auto, dessen unnütze Sensoren zu erschreckenden Ruckaktionen auf offener Straße führen und fiktive Tankfüllungen anzeigen, denen niemand mehr Glauben schenkt. Bis zuletzt die Superintelligenzen, von denen man täglich in der Presse hört. Die Verunsicherung, die Diskussionen und die Konflikte rund um das, was Expert:innen "Digitale Transformation" nennen, ist groß.
16 Wissenschaftler:innen, elf Universitäten, drei Länder, zehn Regeln
Bisher gibt es keinen einzigen Leitfaden und keine Orientierung, die helfen, all diese Konflikte praktisch zu unterstützen. Jeder hat nur Meinungen, die oft emotional aufeinandertreffen. Aber so richtig scheint niemand zu wissen, was richtig und was falsch ist. Gesetze kommen oft zu spät, wenn sie denn kommen. Vor diesem Hintergrund haben sich 16 Wissenschaftler:innen und Autor:innen aus elf Universitäten und drei Ländern zusammengeschlossen – die sogenannten Future Founders – und auf Basis ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse zehn Regeln aufgestellt, die bei den meisten Entscheidungen fundierte Orientierung geben können. Diese sind:
- Erhebt digitale Technik nicht zum Selbstzweck
- Schreibt Maschinen keine Menschlichkeit zu
- Schafft Raum für Muße und analoge Begegnung
- Garantiert den Erhalt sozialer und demokratischer Kompetenzen
- Zerstört nicht die Natur für den technischen Fortschritt
- Behandelt Menschen nicht als bloße Datenobjekte
- Lasst euch nicht eurer menschlichen Potenziale berauben
- Verleugnet nicht die Grenzen der Technik
- Nutzt Maschinen nicht, um die Freiheit Anderer zu untergraben
- Verhindert Machtkonzentration und garantiert Teilhabe
Ähnlich wie die Zehn Gebote der biblischen Tradition kann jeder die Regeln als Orientierungshilfe gebrauchen. Sie haben Streit mit anderen Eltern in der Schule wegen Handyverbot für die Kinder? Nun, dann nehmen Sie Regel drei zur Hand und argumentieren Sie guten Gewissens, dass analoge Begegnung in der Schule wichtig ist, auch für den Aufbau sozialer Kompetenz (Regel vier). Sie sind versucht, Ihren Mitarbeiter im Homeoffice zu überwachen? Nun ja, Regel neun sagt: Technik sollte nicht genutzt werden, um die Freiheit anderer zu untergraben. Sie sind der Meinung, dass die Bank Ihre Kreditwürdigkeit falsch einschätzt? Weisen Sie sie darauf hin, dass Sie kein Datenobjekt sind (Regel sechs) und Technik Grenzen hat (Regel acht). Sie streiten mit anderen, ob KI bald superintelligent wird? Haben Sie keine Angst, denn wenn GPT etwa anzeigt, es "denke", wo es in Wirklichkeit nur "rechnet", ist das ein klarer Verstoß gegen Regeln zwei, die besagt, man soll Maschinen keine Menschenähnlichkeit zuschreiben. Sie fordern ein Recht auf analoges Leben? Seien Sie versichert, auch die Future Founders finden, dass Technik nicht zum Selbstzweck werden darf (Regel eins). (Sarah Spiekermann, 29.9.2025)
URL: https://www.derstandard.at/story/3000000289723/zehn-regeln-fuer-die-digitale-welt ; (Zugriff am 10.03.2026)